Ingmar Bergman und Michel Serrault: Gegensätze der Filmwelt

Julien Welter

 

Nur der Tod verbindet Ingmar Bergman und Michel Serrault? – Serrault, der Mitte der 1950-er Jahre gemeinsam mit seinem Bühnenpartner Jean Poiret erstmals im Kino zu sehen war (in „Mörder und Diebe“ von Sacha Guitry, 1957), steht für den harmlosen, komischen Film, wie er in Frankreich zu Zeiten der Vollbeschäftigung und des Zukunftsoptimismus beliebt war. Allein die Titel seiner ersten Filme („Bébert et l’omnibus“, „Nous irons à Deauville“, „Clémentine chérie“) beschwören bei jedem Franzosen unweigerlich nostalgische Bilder von Sonntagsausflügen in die Provinz herauf, mit Comics lesenden Kindern auf dem Rücksitz des pistaziengrünen Panhard oder Simca Chambord.

Bergman Ingmar Bergman dagegen – Sohn eines evangelischen Pfarrers, den aber schon früh das freie Leben fahrender Schausteller faszinierte („Abend der Gaukler“, 1953) – zeigt in seinen Filmen eine widersprüchliche und weibliche Welt zwischen Rauheit, Zärtlichkeit und Introspektion. Einige Jahre nach „Wie in einem Spiegel“ (1959) – bei dessen Entstehung Bergman erklärte, er habe genug davon, auf der Leinwand und im Drehbuch zu erklären, worum es in seinen Filmen geht – galt der Schwede bereits als größter Filmemacher neben Fellini und knapp vor Antonioni et Tarkovsky.

Doch der berühmte Regisseur war auch stets für eine Überraschung gut, einer alten skandinavischen Tradition gemäß, die bereits bei Strindberg beginnt und sich mit dem Dänen Lars von Trier fortsetzt. Beispiele hierfür sind einige Komödien, die zu den weniger erfolgreichen Bergman-Filmen zählen („Ach, diese Frauen“, 1964), sowie andere idyllische Streifen, die besser ankamen („Das Lächeln einer Sommernacht“, 1955). Auch „Die Zauberflöte“ (1975) wurde als leichte Kost für das Weihnachtsprogramm des schwedischen Fernsehens gedreht. Eine geschickte Neufassung von Mozarts Oper, dessen Libretto so ernste Themen wie Krieg, maßlose Machtgier, Verrat und die undeutlichen Grenzen zwischen Gut und Böse behandelt.

SerraultFür Michel Serrault stellten die frühen 1980er Jahre, kurz nach dem triumphalen Erfolg der Kinofassung von „Ein Käfig voller Narren“ (1978), einen Wendepunkt dar. Jean Poiret, der während der gesamten 70er Jahre nicht für den Film gearbeitet hatte, kam nun verändert zurück („Hühnchen in Essig“ von Claude Chabrol, 1985). Sein Bühnenpartner Serrault ging ihm mit einer Reihe von Werken in einem neuen, ernsteren Ton voraus. Die Komödien wurden schwärzer und nahmen einen tragischen Ausgang („Tod dem Schiedsrichter“, „Das Auge“), doch sie hatten unbestreitbar Erfolg. Für eine seiner doppelsinnigsten Rollen wurde Serrault ein einziges Mal in seiner langen Karriere sogar selbst zum Produzenten, und zwar für das Porträt des finsteren und exzentrischen „Doktor Petiot“ (1990), einen Film mit expressionistischen Zügen von Christian de Chalonge. Frankreich wandelte sich – Michel Serrault auch („Kopf oder Zahl“, „Das Verhör“, „Malevil“, „Die Fantome des Hutmachers“ u.a.). Den Höhepunkt dieser an Abenteuern reichen Periode bildete Claude Sautets „Nelly und Monsieur Arnaud“ (1995), der zu einem Konflikt zwischen Serrault und dessen Schauspielerkollegen Michel Piccoli führte: Piccoli, der mit Sautet bereits „Die Dinge des Lebens“ und „Das Mädchen und der Kommissar“ gedreht hatte, konnte es nie verwinden, dass der Regisseur ihn nicht für diesen Film gewählt hatte. Bis zu Sautets Tod im Jahr 2000 sprachen die beiden Rivalen nicht mehr miteinander.

Serrault und Bergman haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, doch beide meisterten so manche Schwierigkeit in ihrer Karriere durch dieselbe Tugend: durch Treue. Serrault arbeitete nicht nur mit so liebenswürdigen Regisseuren wie Pierre Tchernia („Le Viager“, „Die Gaspards“), sondern auch mit dem gestrengen Jean-Pierre Mocky („Die Freunde der Margerite“, „Das Wunder des Papu“, „Grabuge!“), mit dem er noch in den letzten Jahren drehte, obwohl der Filmemacher über keinerlei finanzielle Mittel mehr verfügte. Bergman seinerseits drehte alljährlich ein bis zwei Filme (bis zu einer amerikanischen Produktion, „Das Schlangenei“), dank der Unterstützung eines eingespielten Teams und einer Sparsamkeit, die noch aus seiner Theaterzeit stammte.

 

Beide, der Darsteller und der Regisseur, waren auch dem Fernsehen nicht abgeneigt. Für Bergman war es ein Experimentierfeld, dem er den letzten Teil seiner Karriere widmete, nachdem er sich mit „Fanny und Alexander“ (1982) vom Kino verabschiedet sowie mehrere Bücher mit Erinnerungen und eine bis heute maßgebliche Autobiografie („Laterna magica: mein Leben“) veröffentlicht hatte. Auch Serrault war unlängst in einem Fernsehfilm über die Affäre Dominici zu sehen, der ein kritisches Licht auf die französische Justiz und die mediale Behandlung von Kriminalfällen wirft. Er rüttelte gern an seinem Image als freundlicher Opa und pflegte es zugleich. Bergman, der sich im eigenen Land durch seinen Ruhm und seine für Kollegen schwer zu akzeptierende „Allmacht“ nicht nur Freunde gemacht hatte, zog sich auf die windgepeitschte steinige Insel Farö zurück. Doch selbst dort hatte er sich einen Filmraum eingerichtet, wo er sich neue schwedische und ausländische Produktionen anschaute und diese (wie seine Angehörigen betonen) auch kommentierte. Es scheint, als habe sich weder der beliebte Schauspieler noch der berühmte Filmemacher in den letzten Lebensjahren auf den wohlverdienten Lorbeeren ausruhen wollen.

Sarabande

 

Über Sarabande: das letzte Werk Ingmar Bergmans

Marianne und Johan haben sich seit ihrer Scheidung vor 32 Jahren nicht mehr gesehen. Keiner von beiden pflegt regelmäßigen Kontakt zu den gemeinsamen Töchtern Martha und Sara. Sara lebt jetzt in Australien, die Autistin Martha ist in einem Pflegeheim untergebracht. Zurückgezogen lebt Johan, mittlerweile 86 Jahre alt, im Sommerhaus seiner Großeltern. In der schwedischen Provinz Dalarna genießt er die ländliche Idylle. An einem schönen Tag im Herbst beschließt Marianne, die weiterhin als Familien- und Scheidungsanwältin in Stockholm tätig ist, Johan einen Besuch abzustatten. Mit aller Vorsicht kommt es zur Wiederbegegnung dieses ehemals so streitsüchtigen Paares, noch einmal verbringen sie einige gemeinsame Wochen, tauchen ein in Vergangenes, erleben die Gegenwart. Auf dem Sommersitz in Dalarna lebt auch Henrik, Johans Sohn aus erster Ehe, mit seiner Tochter Karin. Den Tod seiner geliebten Ehefrau Anna vor zwei Jahren hat Henrik nie verwinden können. Anna scheint immer noch allgegenwärtig. Seine Professur als Musiker an der Universität in Uppsala hat er aufgegeben, er schreibt nun an einem Buch über Bachs Johannespassion. Sein ganzer Ehrgeiz richtet sich auf die Erziehung von Karin, die als hoch begabte Musikerin von ihrem Vater unterrichtet wird. Das Verhältnis zwischen den beiden ist gespannt. Auch Henriks Beziehung zu seinem Vater Johan gestaltet sich seit Kindheitstagen kompliziert. Beide verbindet, dass sie Anna nicht vergessen können, zu der auch Johan eine innige Beziehung hatte. Mariannes plötzliches Eintreten in diesen geschlossen Familienkreis hat zur Folge, dass die unterschwelligen Konflikte offen ausbrechen. Endlich hat Karin eine Ansprechpartnerin, der sie sich anvertrauen kann. Mit Marianne redet sie zum ersten Mal über ihre schwierige Beziehung zu ihrem Vater Henrik, ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrem Großvater Johan und den schmerzhaften Verlust der Mutter.


Der “film-dienst” schreibt: “Die in zehn Szenen arrangierte Versuchsanordnung einer Hassliebe wurde mit einer meisterhaften Einfachheit und Dichte sowie großer Leidenschaft für das Wort inszeniert. Die pessimistische Weltsicht hinterlässt einen bitteren Nachhall und ruft einmal mehr das tief lotende existenzialische Oeuvre des Regisseurs in Erinnerung.”

Sarabande

Fernsehfilm, Schweden 2002, Synchronfassung,

16:9, 107 Min

Regie: Ingmar Bergman; Buch: Ingmar Bergman; Kamera: Raymond Wemmenlöv, Per-Olof Lantto, Sofi Stridh, Jesper Holmström, Stefan Eriksson; Schnitt: Sylvia Ingemarsson; Produktion: SVT, in Zusammenarbeit mit ZDF, ORF, ZDF-Enterprises, Network Movie, DR, NRK, RAI, YLE 1, Nordiska TV Samarbetsfonden, Nordisk Film, Och TV Fond; Szenenbild: Göran Wassberg; Redaktion: Daniel Alfresson (SVT), Klaus Bassiner (ZDF), Wolfgang Feindt (ZDF), Helmut Fürthauer (ORF)

Mit: Erland Josephson – (Johan), Liv Ullmann – (Marianne), Börje Ahlstedt – (Henrik), Julia Dufvenius – (Karin), Gunnel Fred – (Martha)

 

Reported from www.arte.tv


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